PRESSEMITTEILUNG

(D)EIN NEUES ZENTRUM?

GEMEINGUT IN DER PERIPHERIE!

OFFENER BRIEF: Kritik am und alternativer Prozessvorschlag für das Wettbewerbsverfahren zum neuen Zentrum Neu-Hohenschönhausen von Bürger*innen, lokalen Akteur*innen und der TU Berlin.

Wusstet ihr, wussten Sie, dass vor 2 Monaten ein offener städtebaulicher Wettbewerb für das “Urbane Zentrum Neu-Hohenschönhausen” ausgelobt wurde? Für viele Anwohner*innen und die Stadtgesellschaft blieb dieses Vorhaben aber bislang unter dem Radar. Heute, Freitag, den 23. Juli, ist es nun schon soweit: Die Beiträge der ersten Phase des Wettbewerbs werden bei der Senatsverwaltung eingereicht.

In Vorbereitung des Verfahrens wurden allerdings nur unzureichende Formate gefunden um die Stimmen der Neu-Hohenschönhauser*innen als Grundlage der Planung mit einzubeziehen…
Wir fragen uns, ob das für die Entwicklung eines neuen Zentrums von 80.000 m2 Fläche (ca. 12 Fußballfelder), welches für 60.000 Menschen identifikatorische Wirkung entfalten soll und Platz für ca. 1.370 neue Bewohner*innen sowie Gewerbetreibenden bietet, gerecht wird! – Und das in einer Stadt, die sich transparente und motivierende Beteiligung, bei der sich Bürger*innen, Verwaltung, Politik und Wirtschaft vertrauensvoll auf gemeinsame, gute Lösungen verständigen, auf die Fahnen schreibt.1

Die hier gewählten Methoden waren einerseits nicht für alle gleichermaßen sichtbar und einfach zugänglich – andererseits konnten sie keinen geeigneten Austausch über die Planungsinhalte erzeugen. Jetzt, während des schon laufenden Prozesses, sieht das Verfahren ebenfalls weder ernsthafte Beteiligung noch Information der Bewohner*innen vor. Die finalen Wettbewerbsentwürfe werden ganze zwei Tage öffentlich kommentierbar sein! In den letzten Wochen, angestoßen durch den Impuls des studentischen Teams nhsh-radar (Lehrstuhl für Städtebau und Urbanisierung, TU Berlin) und in Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen und Bürger*innen, sind Ideen und Forderungen entstanden, wie ein gemeinschaftlich entwickeltes Zentrums für Neu-Hohenschönhausen möglich werden könnte:

NHSH-(PACK-AN)-PAPIER

1. Ressourcen und Strukturen der Vernetzung aufbauen!

Der Bezirk muss Ressourcen für die Vernetzung der Zivilgesellschaft bereitstellen und diese als langfristigen Kooperationspartner*innen einer nachhaltigen Stadtentwicklung sehen. Hier muss der Bezirk Impulsgeber sein und eine zukünftig unabhängig funktionierende wie wirkungsstarke Struktur aufbauen. Bereits bestehende Formate wie die Anlaufstelle für Bürger*innenbeteiligung beim Bezirksamt Lichtenberg müssen sichtbarer gemacht werden und neue Infrastrukturen sollen in Zusammenarbeit mit der HOWOGE aufgebaut werden.

2. Bürger*innenbeteiligung ist nicht nur Ehrenamt! 

Bürger*innenbeteiligung in Neu-Hohenschönhausen muss auf die Agenda der politischen Parteien:Es müssen weiter bezahlte Strukturen aufgebaut werden, welche Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft für die Zentrumsplanung und darüber hinaus aktiv an einen Tisch bringt. Anreize für zivilgesellschaftliches Engagement müssen geschaffen werden – dieses muss finanziell wertgeschätzt werden.

3. Sichtbarkeit und Information vor Ort!

Im Wettbewerbsgebiet rund um den Brunnenplatz ist eine sichtbare Aufklärung und Information über den Wettbewerb notwendig (z.B. ein großes Bauschild/ Informationsplakate/ Bauzaun/ Bodenmarkierungen). Außerdem müssen im gleichen Zuge auch die Möglichkeiten der Teilhabe am Planungsverfahren im städtischen Raum sowie durch geeignete Medien transparent gemacht werden. Dazu gehört unter anderem der zeitnahe Aufbau und langfristige Betrieb der vom Bezirk bereits angedachten Schaustelle.

4. Das Zentrum nicht nur als einen (isolierten) Ort verstehen!

Neu-Hohenschönhausen muss als ein gesamtes soziales, politisches und räumliches System verstanden werden, sodass eine gemeinwohlorientierte und nachhaltige Stadtentwicklung etabliert werden kann. Dabei darf das Zentrum nicht nur als ein Standort verstanden werden: es sind viele Orte, an denen jede*r Bewohner*in Zugang zu Gemeinschaft, Kultur, Grün, Mobilität und Wohnraum hat.
In kooperativer Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen muss Neu-Hohenschönhausens städtebauliche Grundstruktur – breite Straßen, große Distanzen, hohe Wohnscheiben – gezielt durch gemeinschaftlich entwickelte und prozessorientierte Interventionen, ergänzt werden. Nur so können inklusive Zentren entwickelt werden, welche auf den Bedürfnissen der Bewohner*innen basieren und diesen eine dauerhafte Teilhabe an ihrer Stadt ermöglichen.

5. Wettbewerb durch Beteiligung bereichern – Entwerfen als Kommunikationswerkzeug!

Es muss ein Kanal eingerichtet werden, um Beteiligungsresultate an die teilnehmenden Planungsbüros weiterzuleiten. Dazu zählen zum einen die Ergebnisse des Teams nhsh-radar, sowie zukünftige, parallel zum Planungsverfahren erzielte Resultate – denn auch für den anschließenden Planungsprozess bedarf es dauerhafter und konstanter Beteiligungsformate. Hierbei können Gestaltungsvorschläge, wie die von nhsh-radar erarbeiteten räumlichen Ansätze als hilfreiches Mittel eingesetzt werden, um anhand dieser mit Bewohner*innen über die Zukunft ihrer Lebensumgebung zu diskutieren. Aufbauend auf dieser Diskussion kann anschließend tatsächlich entworfen und geplant werden.

6. Aufsuchende Beteiligung!

Um in Neu-Hohenschönhausen alle Teile der Bevölkerung, insbesondere auch Kinder und Jugendliche, in die Planung mit einzubeziehen, müssen passende Formate für die verschiedenen Gruppen gefunden werden. Dies erfordert einen zeitlichen, wie personellen Aufwand. Besonders wichtig dafür ist es, sich die nötige Methodenkompetenz für die Ansprachen anzueignen sowie wichtige Multiplikator*innen und Interessensvertrer*innen zu ermitteln.

7. Den ersten Schritt zur vernetzten Nachbarschaft gehen!

Ein erster Termin zur Vernetzung und Wissensaustausch zwischen Akteur*innen, Bewohner*innenschaft und Verwaltung muss so schnell wie möglich festgelegt werden (Staffelstabübergabe von nhsh-radar nach NHSH). Hierbei soll es nicht um inhaltliche Arbeit zum Wettbewerb gehen, sondern vielmehr um den Aufbau von wirkmächtigen Strukturen der Zusammenarbeit und die Klärung von Verantwortlichkeiten.

8. Akteur*innen einbeziehen, Orte finden!

Engagierte Akteur*innen, wie das CABUWAZI, sind bereit Bürger*innenbeteiligung und gemeinschaftliche Stadtgestaltung zu unterstützen. Der Bezirk muss aktiv auf diese eingehen sowie Anreize für weitere Akteur*innen setzen, um so eine produktive Zusammenarbeit zu realisieren. Beispielsweise besteht das Angebot am Ort des Zirkuszeltes die Schaustelle sowie weitere Beteiligungsformate stattfinden lassen.

9. NHSH beteiligt sich schon längst!

Ehemals vorhandene zivilgesellschaftliche Strukturen und vielfältiges bürger*innenschaftliches Engagement haben bereits in der Vergangenheit wertvolle Perspektiven auf die Beplanung des Zentrums geworfen. Eine Aufarbeitung dieser verloren gegangenen Beiträge könnte den aktuellen Beteiligungsverdruss auflösen. Außerdem muss geklärt werden, wie es zum Verlust dieser Strukturen gekommen ist, gleiches zukünftig verhindert werden kann und neue zivilgesellschaftliche Initiativen gefördert werden können.

10. NHSH im Kontext eines gemeinwohlorientierten Berlin!

Ein kontinuierlicher Wissensaustausch im Kontext der gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung über die Berliner Bezirke hinweg, kann die gemeinschaftliche Arbeit der Akteur*innen in Neu-Hohenschönhausen unterstützen. Andere Formate und Kompetenzen, sowie personelle Unterstützung können eine wertvolle Ergänzung der lokalen Erfahrungswerte darstellen. Über die Wissensressourcen von lokalen Akteur*innen der Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg oder Marzahn-Hellersdorf kann ein wertvoller Austausch stattfinden: So kann die Peripherie von der Mitte lernen und andersherum gleichermaßen.

Wir appellieren an den Berliner Senat, die Leitlinien für Bürgerbeteiligung auch außerhalb der Innenstadt ernst zu nehmen:

“Wenn jedoch Interessen und Ideen frühzeitig eingebracht und diskutiert werden können, beschleunigt das die Lösungsfindung. Zahlreiche Perspektiven können einfließen, die von Vielen getragen werden“

QUELLE: 

1Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Servicebereich Kommunikation und Bürgerbeteiligung (2019): Leitlinien für Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der räumlichen Stadtentwicklung (Kurzfassung), Zugriff 22.07.2021 https://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/leitlinien-buergerbeteiligung/download/Leitlinien-BuergerbeteiligungSTADT-Flyer.pdf

VERÖFFENTLICHUNG - 23. JULI 2021

parallel zur Abgabe der 1. Phase des Wettbewerbs
Ergänzend zu diesen Handlungshinweisen findet ihr, finden Sie am Freitag, den 23. Juli 2021 – zeitgleich zu der Abgabe der 1. Phase des Wettbewerbs – um 16 Uhr auf der Website:
www.nhsh-radar.de
eine inhaltliche und grafische Handreichung zu vielen der angesprochenen Punkte dieses Papiers sowie eine ausführliche Dokumentation der Arbeitsergebnisse des Teams nhsh-radar vor Ort in Neu-Hohenschönhausen.

Diese Presse-Mitteilung richtet sich an:
Wettbewerbsverantwortliche des städtebaulichen Wettbewerbs
Verwaltung der Bezirksamts Lichtenberg
Bezirksamt für Stadtentwicklung Lichtenberg
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin
Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg

Dieses Papier wurde aufgesetzt von:
nhsh-radar

Dieses Papier wird mitunterzeichnet von u.a.:
Elke Schuster – Anwohnerin
Maria Rösler – Anwohnerin
Sophia Rösler – Anwohnerin
Kira Schmidt – Anwohnerin
Michael Kirch – Anwohner
Ralf Weist – Anwohner
Patrick Krämer – Anwohner
Wolfgang Horn – Anwohner
Beate Janke – Aktive Bürgerin
Thomas Seidel – Arge IAVM
Andrea Nakoinz – Die Grünen/ Bündnis 90
Julia Förster – Mitglied im Gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung e.V. / tätig im Bezirksamt Lichtenberg, OE SPK
Tesserae – Urban Social Research – gesamtes Team
Enrico Schönberg – Vernetzungstreffen Rathausblock / ZusammenStelle
Mathias Heyden – Experte Community Based Design – u.a. tätig für Bezirksamt Friedrichshain Kreuzberg, AKS Gemeinwohl
Jochen Becker – Station urbaner Kulturen, nGbK, Berlin Hellersdorf
Anna Heilgemeir – CUD, TU Berlin / Planungskooperative coopdisco
Julia Köpper – CUD, TU Berlin / Octagon Architekturkollektiv 

Roberta Burghardt – Planungskooperative coopdisco

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